"Meine Lieder waren immer klüger als ich"

Der Musiker Konstantin Wecker beim Donauinselfest in der österreichischen Hauptstadt
Konstantin Wecker auf Tour

"Meine Lieder waren immer klüger als ich"

von: Gunnar Leue
9. Juli 2019

Konstantin Wecker gehört zu den bekanntesten Musikern des Landes und zu denen, die keine Scheu haben, zu gesellschaftlichen Problemen den Mund aufzumachen. Gunnar Leue hat mit ihm über seinen Widerwillen gegen blinden Gehorsam und ideologische Beschränktheit gesprochen.

Sie haben jüngst in einer Talkshow den schönen Satz gesagt: „Meine Lieder waren immer klüger als ich.“ Woran machen Sie das fest?

Ich habe als sehr junger Mann sehr zarte und zerbrechliche Lieder geschrieben, Lieder, in denen ich mir meine eigene Zartheit zugestanden habe. Nach außen zeigte ich dagegen eine ganz andere Seite. Es gibt ein peinliches Foto von früher, wo ich im langen Nerzmantel durch München laufe, in der Hoffnung, wie ein Zuhälter auszusehen. Mein Rollenbild war so ganz anders als meine Texte, sie haben mich eigentlich immer überrollt.

Was meinen Sie damit?

Bis auf wenige Ausnahmen war ich immer der Meinung, dass meine Gedichte in mir eigentlich schon fertig geschrieben waren. Da war etwas in mir, das wirklich klüger war als mein im Leben ausgedrücktes Ego, eine Poesie, die in meinem innersten Sein angebunden war.

Die Poesie ist in Ihnen, aber was Sie rausließen, hat Sie manchmal selbst überrascht?

Ich musste bei Gedichten immer warten, bis sie mir passierten. Gerade in den Achtzigerjahren habe ich einige Lieder gesungen, die ich damals so richtig eigentlich noch gar nicht verstanden habe.

Auch Lieder, die Ihnen heute peinlich sind und die Sie heute nicht mehr so singen würden?

Es gab sicher ein paar kabarettistische Sachen, aber ich muss sagen, das Aufrichtigste an mir waren stets meine Gedichte und Lieder, in denen ich mir selbst am treusten geblieben bin.

Warum gehen Sie mit Ihrem Programm „Weltenbrand“ mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie auf Tour? Fällt Ihnen nichts mehr ein?

Gerade in den Neunzigerjahren war es üblich, dass Popmusikern ein Orchester übergestülpt wurde. Bei mir verhält es sich schon anders. Ich war bereits in den Achtzigern mit einem Kammerorchester auf Tour, in einer Zeit, das darf man nicht vergessen, als der Punk groß war. Und ich bin mir sicher, dass das Publikum nicht wegen, sondern trotz meiner Musik kam. Junge Leute hatten relativ wenig Lust, von der Klassik inspirierte Musik zu hören. Nicht mal die Liebeslieder, die vom Cello geprägt waren. Ich selbst habe übrigens Geige und Bratsche gespielt, was insofern lustig war, weil in den Siebzigerjahren gern ideologische Fragen aufgeworfen wurden und ich den Vorwurf bekam, ich würde bourgeoise Instrumente verwenden. Ach, sagte ich dann: Und die Gitarre, die Laute, ist nicht bourgeoise, oder wie? Damals durfte man eigentlich nur mit der Gitarre auf die Bühne kommen.

Dabei sind Sie mit der sogenannten klassischen Musik aufgewachsen?

Ich bin eigentlich groß geworden mit Schubert, meinem musikalischer Ziehvater, mit der italienischen Oper und mit der Lyrik von Rilke. Die klassische Musik ist meine eigentliche künstlerische Heimat. Viele Lieder habe ich vor 40 Jahren unter dem Einfluss Carl Orffs geschrieben. Mit dem Orchester höre ich sie wieder so, wie ich sie beim Komponieren im Ohr hatte.

Sie bewegen sich nie in den immer gleichen Bahnen. Was viele nicht wissen: Sie haben 1994 sogar eine Fußballhymne auf den TSV 1860 München geschrieben: „Mir san die Löwen“, gesungen von Mario Jordan.

Mein „Kaffee Giesing“, eine Kulturkneipe mit Bühne lag gleich um die Ecke vom Sechziger Stadion, in dem ich damals auch öfters war. So ist die Idee irgendwann mal entstanden. Ich weiß aber gar nicht, wie viele Fußballfans jemals etwas mit meiner Musik anfangen konnten.

Woher kommt Ihre Lust am Widersprüchlichen und am Widerspruch?

Ich glaube, mein Widerspruchsgeist hat einfach mit meiner Herkunft zu tun. Ich hatte das unglaubliche Glück, ein antiautoritäres Elternhaus zu haben. Mein Vater, Jahrgang 1914, war ein sanfter Mann, obwohl zu seiner Jugend noch schwarze Pädagogik und Militarismus dominierten. Meine Mama war zwar eine strengere, aber zugleich eine rebellische Frau. Bei den Nazis waren beide nicht im aktiven Widerstand, aber sie haben widerstanden. Von Kindheit an konnte ich mit ihnen über diese Zeit reden, während sie bei 90 Prozent meiner Schulkameraden zu Hause totgeschwiegen wurde.

Warum hat sich bei Ihnen das Rebellische immer erhalten und nicht, wie bei den meisten Leuten, irgendwann abgeschwächt?

Ich habe mich eigentlich nie als so besonders rebellisch gesehen. Wogegen ich mich immer gewehrt habe, ist blinder Gehorsam. Widerspruch gegen diesen Gehorsam wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Das war für mich immer selbstverständlich, mich gegen ein erstarrtes Weltbild aufzulehnen. Am meisten geprägt hat mich die Anarchie, schon als 14-Jähriger habe ich Max Stirner (ein Vertreter des sogenannten Individualanarchismus/d.R.) gelesen. Da war auch rebellische Attitüde dabei, wenn ich bewusst mit Büchern von Stirner und Bakunin (russischer Anarchist/d.R.) unterm Arm durch mein strenges bürgerliches Gymnasium lief. Das hat schon Spaß gemacht.

Sie sind bekennender Anarchist?

Ich hatte es nie mit ideologischen Zwängen, und das ist so geblieben. Andernfalls würde es mich auch als Autor krankmachen. Du müsstest ja ewig in diesem ganz engen dogmatischen Weltbild verharren, ohne die Möglichkeit darüber hinaus zu denken. Ich hatte immer auch Zugang zum Spirituellen, deshalb kamen strenge Marxisten ebenfalls nie klar mit mir. Weil mir diese humorfreie Art mancher Linken missfiel, mit der sie in den Siebzigerjahren ideologische Daumenschrauben ansetzten, habe ich damals das Lied „Lösungslotterie“ geschrieben, in dem es darum geht, dass einer noch linker und noch linker sein will.

Widerstand und Protest mit Lebensfreude zu verknüpfen, das sahen Sie auch nie als Widerspruch?

Dass ich es gewagt habe, gleichzeitig den Genuss zu propagieren, haben mir die strengen Linken immer übel genommen. Selbst der Liedermacher Hannes Wader fand es gar nicht gut, wenn der Bayer Wecker immer von Genuss redete. Er brauchte eine Zeit, das Weckersche Weltbild zu akzeptieren. Danach wurden wir dann Freunde.

Würden Sie sich als Protestsänger bezeichnen?

Ich hatte nie das Gefühl ein Schreiber von Protestsongs zu sein, die waren mir oft auch zu platt. Es gibt viele Musiker, die zum Beispiel von den Songs eines Bob Dylan geprägt wurden, auch sprachlich. Bei mir war das wie gesagt völlig anders. Aber letztlich ist es einfach wichtig, dass Musik irgendeine Poesie ausstrahlt. Meine letzte Tour hieß ja „Poesie und Widerstand“, weil ich mittlerweile weiß, was die Herrschenden nicht ertragen: Zärtlichkeit, Liebe, Mitgefühl und Empathie.

Ich gebe ja gelegentlich Seminare für Songwriter an der Uni Landau. Eine 21-Jährige trug auf der Gitarre ein schlichtes, schönes Lied übers Bienensterben vor. Ich dachte, das ist eigentlich der Fridays for Future-Song. Der hatte diese ehrliche Naivität, die ich überhaupt nicht negativ finde, das kann eben nur eine 21-Jährige. Wenn ich das Gleiche singen würde, würden die Leute wahrscheinlich sagen: „Spinnt der jetzt?“

Einen Song zur Fridays for Future-Bewegung gibt es bisher nicht – bräuchte es ihn?

Vielleicht muss das gar nicht sein. Vielleicht ist die neue Art des Protests wirklich das, was der YouTuber Rezo gemacht hat mit dem professionell zusammengestellten Video über die CDU.

Konstantin Wecker: „Weltenbrand“, Konzert am 7. Oktober, 20 Uhr, Philharmonie Berlin.

Gunnar Leue

Verfasser

Text:

Gunnar Leue
Fotos: Expa/Sebastian Puche