Thomas Natschinski im Landestheater Neustrelitz

Thomas Natschinski zu Mokka-Milch-Eisbär-Zeiten.
Konzertlesung

Thomas Natschinski im Landestheater Neustrelitz

von: Gunnar Leue
27. Mai 2019

Thomas Natschinski wird im Landestheater Neustrelitz bei einer Konzertlesung nicht nur legendäre Hits auferstehen lassen. Der Musiker wird auch verraten, welche Band das erste deutschsprachige Beat-Album vorlegte.

Eines muss man den älteren Männern aus dem Machtapparat der DDR lassen: Sie haben sich für die Rockmusik in ihrem Land interessiert. Wenngleich nicht aus der Fan-Perspektive, sondern aus der Aufpassersicht der Herrschenden. Der Kulturaufseher des SED-Politbüros, Kurt Hager, ließ 1972 freundlich drohend wissen: „Tanzmusik soll noch wirksamer beitragen, Geschmack zu bilden und saubere Beziehungen zwischen jungen Menschen zu fördern.“ Zugeständnisse an Mittelmäßigkeit und ideologische Rückständigkeit würden nicht gemacht. Aha, oho!

Das A und O einer zünftigen Rockmusik sah für die Jugend in der DDR dagegen nicht anders aus als im Westen. Man wollte sich amüsieren und gern auch abreagieren vom nervigen Alltag, Geschmack hin, Beziehungssauberkeit her. Anfang der 1970er entwickelte sich das, was man heute den typischen Ostrock nennt, für den Bands wie Renft, Puhdys oder Karat stehen.

300 Gitarrencombos in Ostberlin, darunter Team 4

Vorausgegangen war eine Entwicklung, die ab 1964 nach westlichem Vorbild nicht zuletzt in der Hauptstadt der DDR von der Entstehung einer eigenen Beatszene geprägt war. Zu den
300 Gitarrencombos in Ostberlin gehörte auch Team 4, die der 17-jährige Thomas Natschinski 1964 gegründet hatte. Der frühe Drang zur Musik wunderte nicht, war er doch der Sohn des erfolgreichen Unterhaltungsmusik-Komponisten Gerd Natschinski.

Mit Gitarrenbeatmusik wurde Team 4 im Nu erfolgreich und landete einige Hits, darunter „Mokka-Milch-Eisbar“. Den Song wird Thomas Natschinski am 31. Mai im Landestheater Neustrelitz in seinem Programm „Die Mokka-Milch-Eisbar lebt“ spielen. Literarisch präsentiert wird die Konzertlesung von der früheren DT64-Radiomoderatorin Christine Dähn, Verfasserin von Natschinskis Biografie „Verdammt, wer hat das Klavier erfunden“ und inzwischen auch seine Songtexterin. Während der Musiker am Klavier Songs aus seinen Anfangsjahren, aus der jüngeren CD „5 0 1“ und ein paar internationale Hits spielen wird, wird Christine Dähn auch einige unveröffentlichte Anekdoten und Geschichten aus jener Zeit erzählen, als die Rockmusik laufen lernte.

Und zu erzählen gibt es viel, zum Beispiel, dass Team 4 die erste Band im deutschsprachigen Raum mit deutschen Texten war, lange vor Udo Lindenberg und den Puhdys, wie Thomas Natschinski im Gespräch betont. „Wir waren inspiriert von den Beatles, die alle ihre Songs und Texte selbst geschrieben hatten. Weil wir nicht so gut englisch konnten, texteten wir auf Deutsch. Das war unser Glück, denn dadurch hatten wir die Möglichkeit, gleich populär zu werden. Mit englischen Songs wären wir damals kaum ins Radio gekommen.“

Geschichten über Liebe und von der Straße

Dass sie eine Pionierleistung vollbrachten, sei ihnen gar nicht so bewusst gewesen. „Wir haben uns eher gewundert, dass es nicht alle mit deutschen Texten probiert haben. Dieses Vorurteil, dass Beatmusik nur in Englisch funktioniert, haben wir nie geteilt.“ Die Inhalte ihrer Songs behandelten zu 90 Prozent das Thema Liebe, so wie in „Marlen“. Die Geschichten hätten sie sich im wahrsten Sinne auf der Straße gesucht. Oder eben an der Karl-Marx-Allee, wo der beliebte Junge-Leute-Treffpunkt „Eis-Milch-Mokka-Bar“ lag.

„Das hat sich aber so schlecht singen lassen, dass wir die Worte umdrehten. Erst später, als bei einer Renovierung die Leuchtbuchstaben ab- und wieder angeschraubt wurden, kam die Bar zu dem Namen wie in unserem Hit ‚Mokka-Milch-Eisbar’. Manchmal kann Musik auf eine einfache Weise etwas Konkretes bewirken“, sagt Natschinski amüsiert.

Das Lied wird er natürlich auch in seinem Programm „Die Mokka-Milch-Eisbar lebt“ vortragen. Wie sehr der Song im Herzen des Publikums weiter lebt, hat der Schöpfer tatsächlich oft feststellen können. „Der Song ist immer noch lebendig, die Leute singen ihn sofort mit.“

Dass heute nur Insidern bekannt ist, dass Thomas Natschinski ein Wegbereiter der deutschsprachigen Beatmusik ist und die 1968 veröffentlichte Team 4-LP „Die Straße“ das erste deutschsprachige Album war, grämt den bei Berlin lebenden Musiker nur bedingt.

Sicher sei es schade, aber das DDR-Radio und -Fernsehen sei halt im Westen kaum gehört worden. Insofern habe es gar keine Chance gegeben, dass sich auch die Westmedien für diese Musik aus der DDR interessierten. Das sei erst später in den 1970ern bei den Puhdys und Karat der Fall gewesen.

Musik für den Film „Heißer Sommer“

Zu der Zeit war Thomas Natschinski künstlerisch aber schon wieder ein Stück weiter gezogen, denn sein Credo lautete immer, musikalische Grenzen zu negieren. Mit seinem Vater zusammen hat er die Filmmusik zum erfolgreichen Defa-Filmmusical „Heißer Sommer“ (1968) geschrieben, später auch Hits für Künstler wie Jürgen Walter und Gaby Rückert sowie Fernsehmusiken komponiert. Und in gewisser Hinsicht hat er auch die Youtube-Welt erobert. Jedenfalls sind seine Songs auch dort präsent.

Die „Mokka-Milch-Eisbar“ gibt es sogar als Karaoke-Version, womit der Schöpfer kein Problem hat. „Natürlich nicht. Wenn es den Leuten ihr Lebensgefühl von damals wiederbringt, soll es mir recht sein.“

 

Thomas Natschinski & Band: „Die Mokka-Milch-Eisbar lebt“, 31. Mai um 19:30 Uhr im Landestheater Neustrelitz.

Gunnar Leue

Verfasser

Text:

Gunnar Leue
Fotos: Stefan Preuhs