Sie bringen Kunst und Kultur ins Gutshaus

Die junge Stylistin Nina Hollensteiner, der Schriftsteller und Übersetzer Vincenzo Latronico und der Künstler Conor Gilligan (v.l.), alles Freigeister wie seinerzeit Hoffmann von Fallersleben und Fritz Reuter in diesem Hause, packen ordentlich an, um das lange leer stehende Gutshaus wieder wohnlich zu machen.
Landleben

Sie bringen Kunst und Kultur ins Gutshaus

von: Silke Voß
17. Juli 2019

Junge Leute aus ganz Europa haben ein Gutshaus in der Seenplatte für ein künstlerisches Konzept ausgewählt, das kapitalistische Werte wie Geld und Luxus kategorisch ablehnt.

Die jungen Leute kommen gut an in Scharpzow bei Malchin. Offenbar gefällt hier deren Freundlichkeit und Einfachheit. Und dass sie selbst die Ärmel ihres putzverstaubten Blaumanns im neuen alten Haus hochkrempeln. „Die Nachbarin bringt uns Erdbeeren. Und der Nachbar hilft uns den Rasentraktor reparieren“, ist Nina Hollensteiner überrascht von der Offenheit, mit der die junge zierliche Frau und ihre Freunde im Ort begrüßt wurden. Etwas abenteuerlich städtisch sehen sie schon aus, Conor Gilligan zum Beispiel trägt viele Tattoos.

Mit ihrem behutsamen Wirken im Gutshaus Scharpzow aber zertrümmern sie mögliche Vorurteile. „Die Leute freuen sich, dass wir mit Rauschmitteln nichts am Hut haben und uns nicht abkapseln“, beschreibt Vincenzo Latronico etwas selbstironisch überspitzt eine Begegnung, wie sie ungewöhnlicher nicht sein könnte: Hier die alteingesessenen Scharpzower, Bewohner eines kleinen Dorfes östlich von Malchin, von denen viele mit der Wende einen umwälzenden Lebensschnitt erlebt haben. Und dort als neue „Gutshausbesitzer“ ein Trio junger, weltläufiger und künstlerisch ambitionierter Leute.

Alle drei haben künstlerischen Hintergrund

Gestatten: Nina Hollensteiner, Mode-Stylistin, studierte in London und Hamburg, lebt in Milano und Berlin. Vincenzo Latronico, Schriftsteller und Übersetzer. Der junge Italiener ist spezialisiert auf klassische Werke des 19. Jahrhunderts wie Oscar Wilde. Arbeitet an einer Übersetzung von Alexandre Dumas „Der Graf von Monte Christo“ vom Französischen ins Italienische nach einer experimentellen Version von Umberto Eco. Sein Roman „Die Verschwörung der Tauben“ ist bereits auf deutsch zu lesen und wird mit dem Stil des französischen Bestseller-Autors Michel Houellebecq verglichen. Der Halbire Conor Gilligan ist Künstler, arbeitet in seinen Ateliers in Berlin und Bremen. Sein Vater stammt aus Dublin.

In Scharpzow nun hat Nina Hollensteiner vernommen, wie froh man hier ist, dass wieder Leben ins Gutshaus einzieht. Schließlich ranken sich so viele Lebensgeschichten um das Haus, das sie als „Gedächtnis des Ortes“ sieht. Doch viele Jahre stand es leer, „wie eine leere Klammer, die verfällt“. Das habe etwas sehr Melancholisches, findet Nina Hollensteiner. Gereizt hat die jungen Leute an dem Projekt die Weite ringsum. „So viel Platz gibt es in Ballungsräumen wie Berlin und Italien längst nicht mehr“, weiß Vincenzo Latronico. Auch die sonnenumflutete Landschaft sei sehr schön, wie sogar sein Vater, jüngst aus Italien zu Besuch, entdecken und damit die typischen Vorurteile von lichtverwöhnten Südländern über das kalte dunkle Deutschland fallen lassen musste. Und natürlich fiel ins Gewicht, dass Scharpzow schon seit jeher Treffpunkt literarischer Freigeister wie Hoffmann von Fallersleben und Fritz Reuter war.

Im Gutshaus sollen Konzerte und Lesungen stattfinden

In diesem Sinne soll das Haus auch wieder ein bezahlbares Refugium für junge Künstler aus aller Welt werden. Konzerte und Lesungen für alle werden im Saal aufgeführt. Die Räume dafür wollen die neuen Hüter aus eigener Kraft und mit Hilfe vieler Freunde aus Frankreich herrichten. Dabei bleibt so viel historische Bausubstanz wie möglich erhalten, ohne die damalige Perfektion des Biedermeier künstlich zu reinszenieren. Natürlich müsse auch das Dach erneuert, mancher Balken ausgetauscht werden. Noch nicht einmal Strom gibt es jetzt. „In der DDR war man skeptisch gegenüber Luxusprojekten. Vielleicht ist manchen daher unser  gegenökonomisches Konzept nahe“, denkt Nina Hollensteiner. Ähnlich wie das Haus auch vor 1989 Dorfzwecken diente, solle es daher auch Treffpunkt bleiben. Voila!

Silke Voß

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Silke Voß
Fotos: Silke Voß