Wie Sie wirklich glücklich werden

Marienkäfer und Kleeblatt auf Hufeisen.
Das Geheimnis des Glücks

Wie Sie wirklich glücklich werden

von: Konrad Wegener
25. April 2018

Alle Menschen wollen es, doch längst nicht jeder bekommt es. Manchmal ist es ganz plötzlich da, und ebenso schnell ist es wieder fort. Das Glück ist scheu. Kann man Glücklichsein erlernen?

Haben wir Nord(ost)lichter etwa kein Händchen fürs Glück? Es gibt da schwerwiegende Indizien. Schauen wir uns nur das „Märchen vom Fischer und seiner Frau“ an, das bei den Brüdern Grimm zu finden ist und im Ursprung von Philipp Otto Runge stammt. Sie wissen schon, dieser frühromantische Maler aus Wolgast …

Die Handlung spielt an unserer Küste und dürfte noch allgemein bekannt sein: Armer Fischer fängt Butt alias verwunschenen Prinzen. Butt bettelt um sein Leben. Fischer lässt Butt frei. Fischers Frau Ilsebil schimpft: Er hätte sich was wünschen sollen. Fischer ruft Butt und wünscht sich eine kleine Hütte. Butt erfüllt den Wunsch. An dieser Stelle könnten alle glücklich sein und das Märchen friedlich enden. Doch, ach … es sollte anders kommen. Denn statt Glück und Zufriedenheit ergreift Maßlosigkeit von Ilsebil Besitz. Und als sie sich nach vielen, immer unverschämteren Forderungen schließlich wünscht, Gott zu sein, landet sie wieder in ihrem armseligen Verschlag. Peng!

Was genau ist eigentlich Glück?

Während das nur eine Metapher ist, fahren die Wissenschaftler in Sachen Glück heutzutage ungleich schwerere Geschütze auf: Da wird befragt und geforscht, verglichen und untersucht, hochgerechnet und analysiert. Und das alles für ein kaum zu greifendes Lebensgefühl, nach dem gleichwohl alle streben. Der alljährlich erhobene Glücks-
atlas etwa zeigt mit statistischer Relevanz und penibler Tiefenbohrung in den Befindlichkeiten der Deutschen, wo – vermeintlich – das (Bundes-)Land des Lächelns ist: Schleswig-Holstein und, wo – angeblich – die Unglücksraben wohnen: Mecklenburg-Vorpommern. Peng!

Und nun? Nähern wir uns dem Phänomen Glück einmal von der forschenden Seite und befragen jemanden, der sich damit auskennt. Jürgen Seidel aus Stralendorf bei Schwerin ist Rhetorik-Lehrer, Kommunikationstrainer, freier Journalist und Glücksforscher.

Was ist denn nun eigentlich Glück? Ist es Einbildung, Gefühl oder tatsächlich vorhanden – kann man es gar messen? „Glück ist tatsächlich eine Tatsache, ein wunderbarer Zustand. Glück ist die Schwester der Zufriedenheit, und in diesem Sinne versuchen Glücksforscher in aller Welt, es auch messbar zu machen – vor allem im Sinne von Glück als Lebenszufriedenheit. Es ist keine schlechte Idee, Glück zu messen. Allerdings gibt es kein Glücksmessgerät für unterwegs oder für die Glücksforscher-Praxis – jedenfalls bisher nicht.“

Der kleinste gemeinsame Nenner

Aber, so der Forscher, schon die alten Lateiner hätten verschiedene Formen des Glücks unterschieden: fortuna (Glück haben), felicitas (einen Glücksmoment erleben) und beatitudo (dauerhaft im Glück leben, ein gelingendes Leben führen). Der kleinste gemeinsame Nenner aller glücklichen Menschen ist „dass mir etwas geschieht, was mir gut tut – sei es aus eigenem Tun oder aus (glücklichem) Zufall heraus, der zunächst einmal wenig mit den eigenen Anstrengungen zu tun hat.“

Das kleine Königreich Bhutan misst das Wohlergehen seiner Bevölkerung gleich mit einem ganz eigenen Index, dem Bruttonationalglück (BNG), international bekannt als Gross National Happiness. Und obwohl das Land im Himalaya nun wahrlich nicht zu den Global Playern und erst recht nicht zu den reichsten Staaten gehört, hat es damit international Aufmerksamkeit erregt. Statt sich, wie in unserer materialistisch orientierten Welt üblich, am Bruttosozialprodukt zu orientieren, stellt dies den Versuch dar, den Lebensstandard auf breiterer Grundlage zu definieren. Erst recht, seit sich das Streben nach immer mehr Geld im Rahmen der globalen Finanzkrise als fragwürdig erwiesen hatte.

Macht Geld glücklich?

Also entwickelte der König von Bhutan vier Leitlinien, die die Zufriedenheit seines Volkes verbessern und die Gesellschaft wie ein Haus auf vier stabile Säulen stellen sollten: das Bewahren und Fördern der Kultur; ein Leben im Einklang mit der Natur; eine gerechte Wirtschaftsentwicklung und gutes Regieren. Klingt einfach, ist es aber nicht. Immerhin: Ein Sägewerk, das zwar wirtschaftlich arbeitete, aber zu viel Wald verbrauchte – dessen Anteil an der Landesfläche hat in Bhutan Verfassungsrang – wurde 2009 geschlossen. In Deutschland wäre so etwas kaum vorstellbar. Wir sind aber auch keine Monarchie.

Macht uns Geld denn glücklich? Bis zu einer gewissen Schwelle, so Jürgen Seidel, trage es schon zur Zufriedenheit bei. Und das kann wohl jeder nachvollziehen: Zu wissen, dass man seine Rechnungen bezahlen kann und nicht darben muss, ist ein beruhigender Gedanke. Was indes darüber hinaus gehe, verbessere nicht automatisch das Glück des Menschen in gleichem Maße. Selbst Lottogewinner sind nicht per se die glücklicheren Menschen. „Eine Zeit lang sind sie glücklicher als vor dem Gewinn, kehren dann aber meist zum vorhergehenden Niveau zurück“, berichtet der Glücksforscher. Man könne sich, schreibt zum Beispiel die ZEIT, Reichtum und Zufriedenheit wie Geschwister vorstellen, die Hand in Hand einen Berg hinaufgehen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem Bruder Reichtum weiter aufsteigt und Schwester Zufriedenheit umdreht und absteigt.

Wohlhabend und unzufrieden?

Bezogen auf die gesamte Bundesrepublik scheinen wir diesen Punkt längst überschritten zu haben. Die Wirtschaft brummt, die Deutschen werden immer wohlhabender und – unzufriedener. So zumindest hat es das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ermittelt. Demnach nimmt seit Jahren die Lebenszufriedenheit ab. Im Nordosten Deutschlands kommt erschwerend hinzu, dass das Lohnniveau hier oft niedriger ist als anderswo, sodass vielleicht auch finanzielle Sorgen zum geringen Glücksniveau beitragen. Für Jürgen Seidel hat Glück auch viel mit den Möglichkeiten zum Mitmachen und Mitbestimmen zu tun. „Möglicherweise sind diese Möglichkeiten hier im Nordosten nicht ausreichend …“

Vielleicht kann man das Glücklichsein ja lernen. In einigen Bundesländern gibt es tatsächlich das Schulfach „Glück“. Ausgedacht hat sich das Ganze der frühere Schuldirektor Fritz Schubert, der das Fach vor zehn Jahren an seiner Schule in Heidelberg einführte. Heute gibt es weit mehr als 100 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Glückskunde unterrichten. Dabei geht es weniger darum, den Schülern ein Dauergrinsen ins Gesicht zu zaubern und bei ihnen permanente Glückseligkeit zu erzeugen. Es geht ums Bewusstsein. Und um die Fähigkeit, Gemeinschaft schätzen zu lernen, sich persönlich zu entfalten und das eigene Leben aktiv zu gestalten. In diese Kerbe schlägt auch Glücksforscher Seidel.

Die glücklichsten Menschen, die er traf, hatten allesamt etwas erreicht, was sie wollten: „Glück ist eine Überwindungsprämie. Ein chinesisches Sprichwort lautet: Haben Sie es schon gelernt, sich über Hindernisse zu freuen?“ Glück, so Seidel, stelle sich ein, wenn man etwas tut und es sich verwirklichen lässt. Ein ganz wichtiger Aspekt des Glücks sei auch, an andere Menschen zu denken. Seinen Mitmenschen beizustehen, wenn sie unglücklich sind, und ihnen gegebenenfalls wieder zu ihrem Glück zu verhelfen, mache einen auch selbst glücklich.

Glückskunde auf dem Lehrplan

Wer nun nicht das Glück hatte, Glück in der Schule gelehrt zu bekommen – das betrifft wohl die meisten von uns – kann das Ganze dennoch nachholen. Der „Elfenhof“ in Viezen bei Bützow (www.der-elfenhof.de) bietet beispielsweise regelmäßig Glücksseminare an.

Inhalte sind zum Beispiel psychologische Hintergründe des Glücks, Geheimnisse einer glücklichen Partnerschaft oder die Beantwortung der Frage: „Wie werde ich von problemorientiert zu zielorientiert?“ Sich mit positiven Dingen zu beschäftigen und zu umgeben, kann bereits der Anfang vom Weg zum Glück sein. Schon der römische Kaiser Marc Aurel hatte das erkannt, als er sinnierte: „Auf die Dauer nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an.“ Wer also die

Welt mit positiven Augen sieht, sich häufiger das Schöne im Leben bewusst macht, ist glücklicher. Und „das Schöne“: Es können auch – und vor allem – nichtmaterielle Dinge sein. Dinge, über die man keine Macht hat, die man sich nicht kaufen kann. Ein singender Vogel im Garten, der Sonnenaufgang über dem Meer, das Zusammensein mit Freunden, die nette Geste des Nachbarn oder das Lachen spielender Kinder. Wenn man sich also gezielt Situationen und Erlebnisse sucht, die man als schön und positiv empfindet, macht das den Menschen auf Dauer glücklich.

Bertolt Brecht hat das 1954 in seinem Gedicht „Vergnügen“ gut zusammengefasst:

  • Der erste  Blick aus dem Fenster am Morgen
  • Das wiedergefundene alte Buch
  • Begeisterte Gesichter
  • Schnee, der Wechsel
  • der Jahreszeiten
  • Die Zeitung
  • Der Hund
  • Die Dialektik
  • Duschen, Schwimmen
  • Alte Musik
  • Bequeme Schuhe
  • Begreifen
  • Neue Musik
  • Schreiben, Pflanzen
  • Reisen
  • Singen
  • Freundlich sein.

Wie sieht es überhaupt mit der Haltbarkeit von Glück aus? Der Philosoph Oswald Spengler meinte, dauerndes Glück sei Langeweile, Sigmund Freud war der Ansicht, dass das Glück des Menschen im Plan der Schöpfung nicht enthalten sei, und der Hirnforscher Manfred Spitzer ist heutzutage der Ansicht: „Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, dauernd glücklich zu sein. Aber es ist süchtig danach, nach Glück zu streben.“

Ein gutes Beispiel dafür ist das Verliebtsein. Jeder kann sich daran erinnern, und jeder möchte dieses unnachahmliche Gefühl bewahren und immer wieder erleben. Kein Wunder: Frisch verliebte Menschen sind besonders glücklich und quasi „auf Droge“. In ihrem Gehirn sind in diesem Zustand nahezu die gleichen Areale aktiv wie bei Drogensüchtigen. Das ventrale Tegmentum, eine Art Drogenküche im Mittelhirn, überschwemmt Körper und Gehirn mit Glücksstoffen. Die vielen Berührungen machen uns ebenfalls „high“: Oxytocin und körpereigene Endorphine werden ausgeschüttet und wir erleben das ultimative Glück.

Glück - eine Ansichtssache?

Doch wir alle wissen, dieser Zustand hält nicht ewig an. Vielleicht tröstet es ja, dass Verheiratete im Schnitt glücklicher und gesünder sind als Ledige. Auch für den Stralendorfer Glücksforscher Jürgen Seidel ist das kurze Glück kein Drama. „Es ist gut für das Glück, wenn man sich in schweren Zeiten die Erinnerung daran bewahren kann – gewissermaßen als „Glücksreserve“. Für ihn hat „Glück“ einen anderen Ausschlag als Zufriedenheit. Aber eine gewisse Grundzufriedenheit im Leben ist für ihn Voraussetzung dafür, Glück empfinden zu können. „Glück hat auch viel mit Lebenszufriedenheit zu tun. Es ist eine Erfahrungsangelegenheit und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen.“ Vielleicht liegt es ja daran, dass ältere Leute oft glücklicher sind als junge. Sie haben in ihrem Leben auf der einen Seite erfahren, dass nicht alle Blütenträume reifen. Auf der anderen Seite haben sie gelernt, das Erreichte zu schätzen.

Unserer Ilsebil, der Fischersfrau vom Peenestrom, ist das nicht gelungen. Ihre Maßlosigkeit hat sie ins Unglück gestürzt. Um wie vieles schöner ist da doch das „Märchen von Hans im Glück“. Auch das findet man bei den Brüdern Grimm: Der treue Hans hat seinem Herrn sieben Jahre gedient und will nach Hause. Er wird mit einem Klumpen Gold entlohnt. Nach diversen Tauschgeschäften – Gold für Pferd, Pferd für Kuh, Kuh für Schwein, Schwein für Gans – bleibt ihm schließlich noch ein Wetz- und Feldstein, an denen er schwer zu schleppen hat. Bei einer Rast fallen sie ihm in den Brunnen, und erleichtert von dem Gewicht ruft er aus: „So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.

Konrad Wegener, Freier Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

Verfasser

Fotos: © Alexander Raths - Fotolia.com