Unioner kritisiert Kommerz im Fußball

Jochen Lesching ist Förderer des 1. FC Union.
1. FC Union

Unioner kritisiert Kommerz im Fußball

von: Gunnar Leue
6. Juni 2019

Jochen Lesching ist Förderer des 1. FC Union. Seine Vita passt nicht ganz ins vorherrschende Bild vom Unioner. Im Gespräch mit Gunnar Leue, erzählt er, wieso er dennoch viel Typisches der Fans des Köpenicker Vereins widerspiegelt.

Der 1. FC Union ist in die erste Liga aufgestiegen. Gratulation!

Danke, aber meine persönliche Meinung war immer: Es wäre schön, wenn es sich ergibt, aber es muss nicht sein.

Sie sind dem Verein seit Jahrzehnten verbunden ...

... wobei es durchaus eine längere Pause nach meinem ersten Stadionbesuch 1969 gab, weil ich erst mal in die Fänge der Rockmusik geriet.

Inwiefern?

Ich habe den sozialen Gebrauch von Rockmusik für das DDR-Kulturministerium untersucht. Ich komme aus der Laienkunst, war in den Sechzigerjahren Leiter des politisch-satirischen Kabaretts an der TU Dresden, wo ich Energetik studiert habe. Parallel interessierten mich natürlich die aktuellen Musiktrends in Dresden und Umgebung und solche Bands wie Stern Combo Meißen, Theo Schumann-Combo oder die Butlers, aus denen Renft hervorging. Nach meinem Studium hatte ich als Ingenieur in der Maxhütte Unterwellenborn gearbeitet und dort nebenher ein Fest zum Jubiläum der Aktion „20 Jahre Max braucht Wasser“ mitorganisiert. Danach bekam ich, auch wegen meiner Erfahrungen in der Arbeit von FDJ-Studentenklubs das Angebot, mich um die Jugendkultur an den Kunsthochschulen der DDR zu kümmern.

Was hieß das konkret?

Ich habe mich zum Beispiel um die kulturelle Begleitung der Ernteeinsätze der Studenten gekümmert, sprich um die Tanzmusik. Wir haben Kabarettabende gestaltet und Beatmusik gespielt. Das klingt heute etwas seltsam, aber war in diesen Jahren nicht selbstverständlich. Ich sah mich als Interessenvertreter der Bands und gehörte zu einem kleinen Kreis junger Kulturarbeiter, die der Rockmusik gewisse Räume in der DDR schufen.

Welche?

Zusammen mit dem Rundfunkproduzenten von Karat, Walter Cikan, haben wir beispielsweise in den Siebzigerjahren Schülerkonzerte organisiert, mehr als 200. Sie kamen überall gut an und halfen zudem, die Akzeptanz der Rockmusik in der Gesellschaft zu erhöhen. Aus Befragungen von jungen Musikfans – Lehrlinge, Schüler, Studenten – bekam ich aber auch das Bild, dass viele Jugendliche die Ostbands und auch die DDR völlig ablehnten und dass es mit der Reformierung des Landes nicht funktionieren wird. Im Kulturministerium kamen die Forschungsergebnisse nicht so gut an. Als ich mitkriegte, dass man mir das offenbar persönlich übel nahm, habe ich mir eine andere Arbeitsstelle gesucht.

Sie wurden Gewerkschaftschef im 1984 neu eröffneten Friedrichstadtpalast.

Ja, aber als Interessenvertreter der Angestellten wollte ich da nicht Essenbons verteilen, sondern am politischen Klima in meinem Umfeld mitwirken. Glasnost und Perestroika, diese Ideen hatten in der Gorbatschow-Zeit auch mich elektrisiert.

Nachdem Sie im Spätherbst 1989 an der Gründung einer freien Gewerkschaft Kunst, Kultur, Medien mitwirkten und später einige Zeit bei der IG Medien arbeiteten, sind Sie doch lieber Ihr eigener Chef geworden?

Am liebsten hätte ich eine Veranstaltungsagentur gegründet, aber da hatten sich längst andere im Osten etabliert. Von Beruf bin ich Elektriker und so kam ich auf Neonwerbung. Die wurde nach der Wende im Osten überall gebraucht. Meine ersten Leuchtwerbeanlagen habe ich um die Jahreswende 1991/92 bei Fleischern und Bäckern in Ostberlin an die Wände genagelt. Meine Frau war in unserer Firma die Buchhalterin, mein Sohn kümmerte sich als Diplom-Informatiker um die PCs. Irgendwann sagten unsere Kunden, sie bräuchten auch Kopfbögen und Flyer. Zunächst haben wir dafür eine Druckerei gesucht und sie dann später gekauft. Daraus wurde unser Familienunternehmen vierC print+mediafabrik, das auch das Stadionheft des 1. FC Union produziert. Übrigens gemeinsam mit einer Handvoll Unionern, die für den Inhalt und die Grafik verantwortlich sind. Oft wird ja vom Kultverein Union gesprochen. Dass Unioner für Unioner ein eigenes Stadionheft machen, selbstbestimmt auftreten und sich kümmern, so definiere ich für mich das Kultige am Verein, ohne es allerdings ständig rauszuposaunen.

Klingt so, als hätten Sie etwas gegen die gelegentliche Union-Beweihräucherung in Bezug auf die andersartige DDR-Vergangenheit?

Natürlich gehört zur Vereinsgeschichte dieses auflehnende Element. Das nicht konform gehen mit der Obrigkeit hatte viel mit den proletarischen Traditionen der Arbeiterschaft in den Großbetrieben von Oberschöneweide zu tun. Man darf es nur nicht überhöhen. Unser Vereinschronist mahnt auch immer: Hört auf zu erzählen, dass ganz Union ein Widerstandshort war.

Der Verein zeigt keine Scheu, sich auch mal gegen die Deutsche Fußball Liga zu stellen. Konkurrenten halten ihm deshalb gern mal vor, sich kalkuliert als Underdogverein zu präsentieren.

Die Klubführung, die dem Verein seit 2004 vorsteht, macht es nicht. Zu jener Zeit stand der Klub am Abgrund. Einige Union-Fans, die auch Unternehmer waren, darunter der heutige Präsident, Dirk Zingler, hatten daraufhin beschlossen: Hier müssen wieder Unioner was zu sagen haben. Das war eine neue Grundhaltung, die sich da herausbildete: Um uns selber müssen wir uns selber kümmern, wie Brecht mal gesagt hat. Union befand sich 2004 in einer existenziellen Krise, es fehlte rundn 1,4 Mio. Liquiditätsreserve für die Spiellizenz. In dieser Situation initiierten die Fans und der Wirtschaftsrat die Rettungsaktion „Bluten für Union“ und sicherten dem Verein das Überleben.

Der 1. FC Union machte 2018 Vorschläge zur Eindämmung der schlimmsten Auswüchse des Profifußballs, die nur bedingt Zustimmung fanden. Überschätzt sich der Verein manchmal?

Also aus den Reihen der Unioner und auch vieler anderer Fußballfans gab es deutliche Zustimmung. Nicht zu jedem einzelnen Punkt, aber in der Grundrichtung. Ob wir uns als Verein immer taktisch geschickt verhalten mit unserer Kritik an Erscheinungen im Fußball, darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich bin optimistisch, dass wir den richtigen Weg finden, der die Interessen aller Unioner aufnimmt, weil wir ein Menschenbild vertreten, in dem den Fußballfans vertraut wird, wo das Miteinander regiert und nicht nur überbordender Kommerz und Kohle!

War die Gründung der Union-Stiftung „Union vereint. Schulter an Schulter“ eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis?

Auf jeden Fall. Für unseren Verein ist klar, dass wir gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen müssen. Um dafür Impulse geben zu können, haben wir die Stiftung gegründet. Der Starke hilft dem Schwachen, so das Motto der Stiftung, das versuchen wir in vielen Bereichen: Ob das die Gehandicapten sind, die wir mit einem eigenen Shuttle-Bus unterstützen oder Schüler in Neukölln oder Schüler, den wir in unserem Lernzentrum zum Beispiel über Cyber-Mobbing aufklären wollen.

Ist so eine gesellschaftliche Arbeit letztlich der einzige Weg Akzeptanz zu erhalten?

Sicher, denn so, wie sich der Profifußball derzeit darstellt, wird er von vielen Fans irgendwann nicht mehr akzeptiert werden. Dass ein Schlipsträger und ein Malocher im Stadion gemeinsam leiden oder sich bei einem Tor um den Hals fallen, das gibt’s eben nur dort.

Gunnar Leue

Verfasser

Text:

Gunnar Leue
Fotos: Christian Thiel