Warum Schwalben im Sommer Glück bringen

Junge Rauchschwalben sitzen in ihrem Nest aus Lehm
Einheimische Schwalben-Arten

Warum Schwalben im Sommer Glück bringen

von: Rolf Rossmann
20. Mai 2019

Drei Arten von Schwalben sind in Mecklenburg, Vorpommern und der Uckermark anzutreffen. Die Altvögel sind aus Afrika zurück und gelten seit alters her als echte Glücksbringer.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagen die Leute. Kaum jemand denkt bei diesem Sprichwort tatsächlich an die schnellen, wendigen Segler oder einen beschaulichen Sommertag auf dem Land. Die Volksweisheit ist eher eine Warnung, aus einem einmaligen Ereignis keine voreiligen, verallgemeinernden Schlüsse zu ziehen.

Dem Spruch liegt die Aufforderung zu vorsichtigem Abwarten zugrunde, die sich in weiteren Sprichwörtern findet: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben“, „Freu dich nicht zu früh“ und „Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist“.

Im Nordosten sind drei Schwalben heimisch

Doch zurück zur ersten Formulierung. In Mecklenburg-Vorpommern sind im Binnenland drei Schwalbenarten heimisch: die Rauch-, die Mehl- und die Uferschwalbe. Die Rauch- und auch die Mehlschwalben haben sich auf besondere Weise an die Siedlungsbereiche der Menschen angepasst. Sie sind sogenannte Kulturfolger.

Während die Mehlschwalbe, die im Plattdeutschen „Finsterswulk“ (Fensterschwalbe) genannt wird, an den Außenfassaden von Gebäuden – oft über Fenstern oder an der Dachtraufe – ihr mit einem Schlupfloch versehenes, kugelförmiges Nest baut, nistet die Rauchschwalbe, in Mecklenburg als „Swulk“ oder „Stallswulk“ bezeichnet, fast ausschließlich in Gebäuden. In den alten norddeutschen Hallenhäusern flogen die Vögel noch durch das offenstehende „Ulenlock“ (Eulenloch). Wegen der aufsteigenden Wärme nisteten Schwalben mit Vorliebe in der Nähe des Rauchabzuges, über dem offenen Herd. Von daher bekam sie auch ihren Namen „Rauch“-Schwalbe. Für den Nestbau verwenden beide Arten bevorzugt lehmhaltigen Boden und ihren Speichel, in dem gut klebende Körpersekrete vorhanden sind. Schwalben zählen zu den Sperlingsvögeln und sie ernähren sich vor allem von Fluginsekten.

Wohnorte der Vögel haben sich geändert

Die Rauchschwalbe unterscheidet sich von der Mehlschwalbe vor allem durch die braunrote Kehle, ihre langen, spitzen Flügelenden und die Art des Nestbaus. Mit dem Verschwinden der mecklenburgischen Hallenhäuser und der separaten Errichtung von Kuh- und Schweineställen siedelten auch die Schwalben um. Der „Umzug“ hing aber auch mit dem Nahrungsangebot zusammen. In den Viehställen waren Fliegen und andere Insekten immer im Überfluss vorhanden. Auch strahlt das Großvieh Wärme ab, was Schwalben an kühlen Tagen oder in Regen- und Unwetterperioden zugutekam.

Die Rauchschwalbe nutzt für den Bau ihres schalenförmigen Nestes meist Balken oder Bretter. Sie war überall gern gesehen und aus dem ländlichen Lebenskreis kaum wegzudenken. Ihre große Beliebtheit drückt sich im Spruch aus: „Wo Schwalben nisten, wohnt das Glück.“ Auch glaubte man, dass dort, wo Schwalben nisten, kein Blitz einschlägt und im Stall die Tiere „gut geraten“.

Schon im Altertum wurden Schwalben als heilig angesehen. Im Mittelalter wurden die Zugvögel als Glücksbringer und Frühlingsboten verehrt und spielten auch in der Weissagung eine Rolle. Die Rauchschwalbe war einst, ebenso wie der Storch, Gott Donar geweiht. Sicher hängt damit auch zusammen, dass man früher in der Volksmedizin dem Herzen und dem Blut des Vogels starke Heilkräfte zuschrieb. Sehr begehrt und als Amulett unter der linken Achsel getragen, waren die roten, schwarzen und gesprenkelten Steine, die man im Magen oder in der Leber toter Schwalben fand. Sie sollen gegen Schwermut und Kopfweh geholfen haben.

Was Alexander der Große mit Schwalben zu schaffen hatte

Unklar bleibt, ob der früher weitverbreitete Glaube, dass Schwalben den Winter über erstarrt im Wasser liegen, von ihrer Vorliebe kommt, sich im Herbst scharenweise auf dem Schilf der Gewässer niederzulassen, um dort zu übernachten. Von einem Tag auf den anderen waren sie dann verschwunden. Weil er als „Göttervogel“ galt, traute man ihm diese märchenhafte Kraft einst zu.

Daher durften Schwalben als geradezu heilige Tiere nicht verletzt oder gar getötet werden. Die Schwalbe hatte dieselbe mythische Bedeutung wie der Kuckuck. Als Bote des Frühlings brachten beide Segen. Eine Schwalbe warnte schon Alexander den Großen vor Verrat. Als Schwätzerin ist sie dagegen auch verrufen. So warnt ein griechisches Sprichwort vor Schwalben unter dem Dach.

In der nordostdeutschen Region erfreuen sich die meisten Menschen aber an ihrem munteren Gezwitscher und am Anblick der aneinandergereihten Jungen, die über den Nestrand gestreckt mit offenen Schnäbeln um Futter betteln.

Der Luftdruck ist der entscheidende Faktor

Stimmt es, dass tief fliegende Schwalben schlechtes Wetter ankündigen? Sie können das Wetter weder riechen noch fühlen, folgen aber ihren Beutetieren, den Fluginsekten. Bei tiefem Luftdruck, also schlechtem Wetter, fliegen Insekten wenige Meter über dem Erdboden. Bei schönem Wetter trägt die erwärmte Luft die Insekten einige Hundert Meter hoch. Die Schwalben folgen ihnen. So lässt sich aus der Flughöhe der Schwalben aufs Wetter schließen.

Mit dem Verschwinden der kleinen Insekten verlassen im September auch die Schwalben den Nordosten und ziehen in ihre Überwinterungsgebiete nach Afrika, wo sie reichlich Nahrung finden. Sie sammeln sich auf Stromleitungen oder Dachfirsten: erste Anzeichen für den nahenden Herbst. Der Vogelzug verlangt seinen Tribut und einige Vögel schaffen es nicht, in unsere Region zurückzukehren. Gleichwohl hat sich der Rauchschwalbenbestand auf einem nicht allzu hohen Niveau stabilisiert.

Schwalben sind schnelle Flieger. Das sieht eine Grußkarte (1906) anders.
Rolf Rossmann

Verfasser

Fotos: Patrick Pleul