Wie ein „Tunichtgut“ zum Aufsteiger wird

Jochen Lesching ist Fan des 1. FC Union Berlin.
1. FC Union Berlin

Wie ein „Tunichtgut“ zum Aufsteiger wird

von: Gunnar Leue
17. Juli 2019

Jochen Lesching hat das Brecht-Wort „Um uns selber müssen wir uns selber kümmern“ ernst genommen und sich seit DDR-Zeiten vielseitig engagiert. Sein größtes Engagement gilt dem 1. FC Union Berlin, auch abseits des Fußballfeldes.

Studentische Ernteeinsätze – die kennen die Studenten von heute nicht mehr. In der DDR gehörten sie zum Pflichtprogramm für jeden Hochschulbesucher und waren eine der Pflichten, die im Gegensatz zu vielen anderen überwiegend gern übernommen wurde. Schließlich gab es neben gutem Geld meistens noch sehr viel Spaß nach Feierabend. So auch für Jochen Lesching, der als Mitglied des Studentenkabaretts der Technischen Universität Dresden „Die Tunichtgute“ von 1964 bis 1967 für je vier Wochen den Bauern in der Kartoffelernte half.

Ihre Gabe, mit frechen Texten, Piano, Gitarren und Schlagzeug umgehen zu können, führte allerdings recht bald dazu, dass die „Tunichtgute“ weniger mit den Knollen im damaligen Bezirk Neubrandenburg zu tun hatten, sondern sich vielmehr den studentischen Helfern widmen mussten. „Jeden Abend“, erinnert sich Jochen Lesching, „waren wir an einem anderen Ort zwischen Krakow am See, Waren/Müritz und Neustrelitz. Wir kannten unser Gelände nordwärts von Berlin.“

Ein Geburtstagswunsch geht in Erfüllung

Jochen Lesching sitzt im Büro der vierC print+mediafabrik, die ihren Standort im Berliner Osten hat. Auf dem Schrank hinter ihm steht das Modell eines weißen Segelschiffs, ein Geschenk von Geschäftspartnern zu seinem 60. Geburtstag. „Damit ich weiterhin gut durch Wind und Wetter komme.“ Das, so kann man heute sagen, ist dem mittlerweile 77-Jährigen gelungen.

Das Familienunternehmen, das er nach der Wende gegründet hat, wird inzwischen von seinem Sohn André geleitet. Der Betrieb floriert, beschäftigt 30 Mitarbeiter und bietet neben einer umfassenden Druckerei- und Werbeproduktion ein kleines Repertoire selbst verlegter Bücher über lokalgeschichtliche Themen oder den 1. FC Union Berlin.

Protzige Symbole des Erfolgs sucht man auf dem Firmengelände vergeblich, etwa die Nobelkarosse auf einem hervorgehobenen Chefparkplatz. Stattdessen fällt ein anderes Fahrzeug ins Auge: ein alter DDR-Barkas in rot-weiß, mit Lautsprecher, Fähnchen und dem Vereinsemblem des Fußballklubs Union Berlin. Jochen Lesching ist Fan und Förderer des Klubs, Aufsichtsratsmitglied und Vorsitzender der Stiftung „Union vereint. Schulter an Schulter“. Gemäß ihrer Leitidee „Der Starke hilft dem Schwachen“ bündelt sie das gesellschaftliche Engagement des Vereins und macht sich abseits des Stadions für soziale Projekte stark, beispielsweise für gesundheitliche Aufklärung, Toleranz, Integration und die Umwelt. Diese Arbeit liegt dem Mann, der seine Worte ruhig und überlegt setzt, sehr am Herzen – und das hat mit seinem Werdegang zu tun.

Jochen Lesching – 1941 in Mülheim an der Ruhr geboren und in Thüringen aufgewachsen – ist ein typisches Kind der jungen DDR, wie es seinerzeit hieß, wenn von denen die Rede war, die beim Aufbau des Landes und des Sozialismus‘ helfen wollten. Der gelernte Elektriker studierte Energetik und arbeitete als Ingenieurökonom in der Maxhütte Unterwellenborn.

Nachdem er dort ein Fest zum 20. Jubiläum der Aktion „Max braucht Wasser“ mitorganisiert hatte, erhielt er Ende der 1960er-Jahre ein Angebot aus Berlin. Im Auftrag von Kulturministerium und dem Komitee für Unterhaltungskunst sollte er „den sozialen Gebrauch von Rockmusik“ untersuchen und sich um die Jugendkultur an den Kunsthochschulen der DDR kümmern.

„Wir haben Kabarettabende gestaltet und Beatmusik gespielt. Das klingt heute etwas seltsam, aber damals war das nicht selbstverständlich“, sagt Jochen Lesching. „Ich sah mich als Interessenvertreter der Bands und gehörte zu einem kleinen Kreis junger Kulturarbeiter, die der Rockmusik gewisse Räume in der DDR schaffen wollten.“

Bei Schülerkonzerten ist Kritik am System zu hören

Wie man sich das vorstellen soll? Unter anderem habe er in den 70er-Jahren Schülerkonzerte der Band Karat mitorganisiert – insgesamt mehr als 200 in allen Bezirken der DDR. „Die Konzerte kamen überall gut an und halfen zudem, die Akzeptanz der Rockmusik in der Gesellschaft zu erhöhen“, sagt er. „Aus Befragungen von jungen Musikfans, Lehrlingen, Schülern und Studenten bekam ich aber auch das Bild, dass viele Jugendliche die Ostbands und auch die DDR völlig ablehnten.“ Er schlussfolgerte, dass es mit einer Reformierung des Landes nicht funktionieren würde.

Bei den Funktionären im Kulturministerium kamen diese Forschungsergebnisse und der Überbringer der schlechten Botschaft gar nicht gut an. Darum wechselte Jochen Lesching 1984 in den neu eröffneten Friedrichstadtpalast, um dort die Betriebsgewerkschaft zu übernehmen. Zwar war der linientreue FDGB kein Sammelbecken der Opposition, doch verstand sich sein Repräsentant Lesching klar als Interessenvertreter der Angestellten.

„Ich wollte da nicht Essenbons verteilen, sondern am politischen Klima in meinem Umfeld mitwirken. Ich war nie jemand, der Revolution mit drei großen R geschrieben hat, aber mir lag daran, etwas zum Besseren zu bewirken. Glasnost und Perestroika hatten auch mich in der Gorbatschow-Zeit elektrisiert.“ So entstand in den Wendetagen 1989 die Idee, eine eigenständige Betriebsgewerkschaft im Friedrichstadtpalast aufzubauen.

Bereits im Spätherbst jenes Jahres gehörte Jochen Lesching zu denen, die aus der Kunstgewerkschaft im FDGB heraus eine freie Gewerkschaft Kunst, Kultur, Medien gründeten. Die kooperierte mit der IG Medien im DGB. Ein Umgang auf Augenhöhe sei jedoch nicht gewünscht gewesen, so glaubt Jochen Lesching bis heute. Er zog die Konsequenzen und beschloss, sein eigener Chef zu werden.

Für seine erste Idee, eine Veranstaltungsagentur zu gründen, schien es ihm zu spät. „Also fragte ich: Was kann ich noch? Von Beruf bin ich Elektriker und so kam ich auf Neonwerbung. Die wurde nach der Wende im Osten überall gebraucht. In Nordrhein-Westfalen habe ich mir von einer Firma Halbfertigprodukte besorgt, sie im Keller zusammengeschraubt und mit Beschriftungen komplettiert. Meine Frau war in unserer Firma die Buchhalterin, mein Sohn kümmerte sich als Diplom-Informatiker um die PCs.“

Werbung erleuchtet Bäcker und Fleischer in Ostberlin

Nachdem sie zunächst vor allem Flyer, Visitenkarten und Autobeschriftungen vertrieben hatten, leuchteten um die Jahreswende 1991/92 die ersten selbst gefertigten Lichtwerbeanlagen bei Fleischern und Bäckern in Ostberlin. Peu á peu entwickelte sich das Geschäft, bis eine Druckerei dazu gekauft wurde und die vierC print+mediafabrik entstand, die bis heute auch das Stadionheft des
1. FC Union produziert – was für den Firmengründer weit mehr ist als ein normaler Geschäftsauftrag.

Begonnen hatte es 1997, als es dem Verein schlecht ging und Ex-Kollegen vom Friedrichstadtpalast den Unionfan Lesching um Hilfe baten. Er bot an, das Stadionheft gratis zu drucken. Der Verein nahm dankend an. Seitdem produziert er mit einer Handvoll Unionern im Kollektiv „Die Programmierer“ das Programmheft für den Verein.

Selbst machen und sich kümmern – das ist für ihn typisch Union. „Um uns selber müssen wir uns selber kümmern, hat ja schon Brecht gesagt. Ein Satz, den die Machthaber in der DDR zwar gern zitierten, aber ganz so ernst dann doch nicht gemeint wissen wollten.“

Jochen Lesching hat den Satz ernst genommen – als Unternehmer und als Unionfan. Nun, 30 Jahre nach dem Wendeherbst, stellt er ein Union-Programmheft für die erste Fußballbundesliga her. Union ist aufgestiegen und er mit seinem Verein.

Gunnar Leue

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Gunnar Leue
Fotos: Gunnar Leue