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Unterwegs

Stadt, Land, Strand: Auf Fahrrad-Tour von Wismar zur Insel Poel

In Wismar stolpert der Gast über einen Vampir, vom Küstenweg aus ist ein Geisterschiff zu sehen. Und auf der Insel Poel liegen der Strand und eine Tragödie dicht beieinander.

Wismar/Insel Poel Lesedauer: 7 min


Veröffentlicht: Uhr
(Aktualisiert: Uhr)

Ostsee, Insel, Backsteingotik – dieser Dreiklang dürfte bei vielen Menschen auf Anhieb Vorpommern mit der Hansestadt Stralsund und der Insel Rügen vors innere Auge rufen. Das lässt sich ändern.

In der Hansestadt Wismar lauert Trödelgefahr

Mecklenburg bietet als reizvolles Pendant die Hansestadt Wismar und die Insel Poel. Eine Radtour von da nach dort verbindet Stadt, Land und Strand und verschafft überraschende Bekanntschaften, etwa mit einem Vampir und einem Geisterschiff. Eines indes ist nicht zu fürchten: Überanstrengung. Die Tour ist gut zu meistern, sofern der Wind nicht gar zu heftig über die Ostsee landeinwärts braust.

Wismar mit seiner als Weltkulturerbe anerkannten Altstadt erfreut sich bei Urlaubern großer Beliebtheit. Von hier aus lassen sich auch zahlreiche Touren in die Umgebung, etwa mit dem Fahrrad auf die Insel Poel unternehmen.
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Wismar mit seiner als Weltkulturerbe anerkannten Altstadt erfreut sich bei Urlaubern großer Beliebtheit. Von hier aus lassen sich auch zahlreiche Touren in die Umgebung, etwa mit dem Fahrrad auf die Insel Poel unternehmen. (Foto: Jens Büttner/dpa)

Da es sich nicht um einen Rundkurs, sondern um ein Hin und Zurück handelt, steht zunächst die Frage, womit beginnen. Ausgangspunkt könnte je nach Anreise mit Zug oder Auto der Bahnhof sein beziehungsweise die benachbarten Parkplätze in der Stockholmer Straße, wo die Tageskarte in Hauptsaison vier Euro kostet. Wer einen Strandtag anstrebt, sollte der Stadt den Rücken kehren und direkt die Poeler Straße ansteuern. Wer sich anders entscheidet, könnte am Ende in Zeitnot geraten. Denn in Wismar lauert Trödelgefahr. Die Altstadt ist einfach wunderbar zum Bummeln geeignet. Glücklich all jene, die sich dem Vergnügen hingeben können! Am besten schließen sie flugs das Rad an und starten die Erkundung per pedes – Fußgängerzone und Kopfsteinpflaster zuliebe.

Entweder vor oder nach der Radtour – ein Bummel in Wismars Gassen lohnt sich.
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Entweder vor oder nach der Radtour – ein Bummel in Wismars Gassen lohnt sich. (Foto: Marlis Tautz)

Warenhauskette Karstadt hat ihre Wurzeln in Wismar

Eine Unbedingt-anschauen-Liste würde leicht den Rahmen sprengen, darum muss eine Auswahl genügen. Obenan stehen die großen Backsteinkirchen Sankt Georgen, Sankt Nikolai und der überlebende Turm von Sankt Marien. Sie künden von der glorreichen Historie der Hansestadt Wismar, die 2002 mit ihrer größeren Schwester Stralsund zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen erklärt wurde – als Ideal der Hansezeit. Bürgerhäuser stehen Spalier und zeigen Giebel und Portale, die um den Ruf des Schönsten buhlen. Ein viergeschossiges Jugendstil-Haus in der Lübschen Straße ist Stammsitz der Warenhauskette Karstadt. An jenem Ort hatte Rudolph Karstadt 1881 einen ersten Mitarbeiter angeheuert und seinen Aufstieg begonnen.

Der Marktplatz ist einer der größten Norddeutschlands, gekrönt mit der Wasserkunst im Stil der holländischen Renaissance, die fast 300 Jahre die Trinkwasserversorgung der Hanseaten sicherte. Das Gasthaus „Alter Schwede“, ein backsteinernes Schmuckstück, bezeugt Wismars Zeit unter schwedischer Herrschaft von 1648 bis 1803. Durch die Stadt zieht sich einer der ältesten künstlichen Wasserläufe Deutschlands, die Grube. Vor dem Wassertor, dem letzten von vormals fünf Stadteingängen, liegt der Alte Hafen mit Speichern und Fachwerkhäusern. Am Kai ist eine Hansekogge vertäut, und Fischstände bieten Delikatessen an.

Die Wasserkunst am Markt in Wismar.
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Die Wasserkunst am Markt in Wismar. (Foto: Marlis Tautz)

Radfahrer treffen auf Geisterschiff in der Wismarer Bucht

Wer den Boden im Blick behält, kann am Markt oder Hafen Hinweise auf einen Vampir bemerken. Nosferatu, Fürst der Finsternis aus den Karpaten, hatte einst mit einem Schiff voller Ratten in Hafen festgemacht, an seinen Fersen hing die Pest. So erzählte es Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau 1921 in „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ über Wismar alias Wisborg. Sein Stummfilm, der erste Horrorstreifen im deutschen Kino, begründet Wismars Stolz auf imposante Drehorte.

Zu guter Letzt sei Fahrradfans ein Abstecher zum Spiegelberg 1A empfohlen. Schon die vom Denkmalschutz preisgekrönte Fassade des Hauses ist sehenswert und mehr noch das Schaufenster von Café 180 mit Fahrrädern der Berliner Manufaktur Schindelhauer. Der Hausherr ist der einzige Premiumhändler nördlich der Hauptstadt. Er gibt Besuchern nicht nur großzügig Auskunft über die edlen Gefährte, sondern auch die Chance zur Probefahrt.

Nun aber schnell vom Träumen zum Tun und ab in den eigenen Sattel! Zur Erinnerung: Es geht über die Poeler Straße Richtung Insel. Eilige Radler bleiben am ersten Kreisverkehr auf Geradeaus-Kurs und nehmen den Hohen Damm zum Ortsteil Redentin. Wer sich stattdessen rechts hält, gelangt auf einen kleinen Umweg, auf die Straße Am Haffeld, von der nach rund 250 Metern rechts ein Radweg abzweigt. Beim Blick auf die Wismarer Bucht fällt ein Geisterschiff auf, das Betonschiff von Redentin. 1944 in einer Serie von 50 Frachtmotorbooten gebaut, gehörte es zur „Transportflotte Speer“. Es lief auf Grund und blieb liegen.

Marlis Tautz
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Marlis Tautz (Foto: Marlis Tautz)

An diesem Ort steigen viele Autofahrer aufs Rad um

Ab Redentin verläuft der asphaltierte Radweg parallel zur Landstraße 11 nordwärts. Im Sommer herrscht bisweilen dichter Verkehr, der Radfahrer aber zieht mit Wonne vorbei. Ein Ausguck auf halber Strecke nach Groß Strömkendorf gewährt den Blick auf die Küste und die Silhouette von Wismar. Die dominante Werfthalle – 385 Meter lang und 72 Meter hoch – gehört zu den bundesweit größten Trockendocks.

In Groß Strömkendorf bitte links abbiegen! In den flachen Niederungen, dekoriert mit Pferden und Wasserläufen, fällt die schmale Brücke, die Festland und Insel trennt, kaum auf. Der Wasserlauf wird Breitling genannt, sieht an dieser Stelle aber eher wie ein Schmalhans aus. Der erste Eindruck von Fährdorf auf Poel ist ein belebter Parkplatz. Viele Tagesausflügler nutzen ihn, um dort vom Auto aufs Rad umzusteigen. Für eine Stärkung empfiehlt sich an dieser Stelle der „Happen Poel“. Der womöglich kleinste Imbisswagen des Nordens erweist sich auf Nachfrage als maßgeschneiderte Garküche aus Asien.

Der womöglich kleinste Imbisswagen des Nordens ist im Sommer auf der Insel Poel zu finden. Das Koch-Duo vom „Happen Poel“.
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Der womöglich kleinste Imbisswagen des Nordens ist im Sommer auf der Insel Poel zu finden. Das Koch-Duo vom „Happen Poel“. (Foto: Marlis Tautz)

Haus und Garten dienten als Fernsehkulisse

Ein Platzwunder, das sich Melanie Rost und Tobias Hassels eigens so bauen und ausstatten ließen. Auf dreieinhalb Quadratmetern meistern sie Fleischgrill, Fischpfanne und die Zubereitung veganer Kost – fein säuberlich voneinander getrennt, tagesfrisch und aus regionalen Zutaten. Vor einigen Jahren sind die beiden Berliner nach Poel gezogen. Im Winter stellen sie Senf und Pesto her. Den Sommer verbringen sie in ihrer mobilen Küche, im Schlepptau Zwergschnauzer Lu, „Wachhund und Betriebsstaubsauger“ zugleich, wie Melanie Rost sagt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eines der ältesten Häuser der Insel direkt am Wasser, ein reetgedeckter Fischerkaten von 1792. Krimifreunden könnte der Ort bekannt vorkommen: Haus und Garten dienten schon als Kulisse in der ZDF-Serie „Soko Wismar“. Nächstes Etappenziel: Kirchdorf. Die namensgebende Kirche ist mit ihrem 47 Meter hohen Turm Poels weithin sichtbare Landmarke. Im Vergleich zu Rügen oder Usedom geht es auf Poel beschaulich zu, ländlich. Statt nobler Bäderarchitektur Dörfer, Bauernhöfe und Ferienhäuser mit Reetdächern. An Freizeitangeboten besteht dennoch kein Mangel: Inselmuseum, Boots-, Angel- und Reittouren, Figurentheater, Führungen zur Vogelinsel Langenwerder. Die Kurabgabe beträgt von Mai bis September zwei Euro pro Tag, in der Nebensaison die Hälfte. Mehr gibt es hier.

Über Weitendorf und Wangen gelangt der Radler nach Timmendorf und Timmendorf Strand. Achtung! Die fehlende Endung unterscheidet den Ort auf Poel von Timmendorfer Strand bei Lübeck. Schilder weisen zum Schwarzen Busch. Auf diesem Abschnitt ist Obacht geboten: Der beschilderte Radweg verläuft in Wassernähe, wo urplötzlich knöcheltiefer Zuckersand auf rund 300 Metern zum Schieben zwingt. Wer sich das ersparen will, folgt von Timmendorf Strand dem Weg nach Neuhof und biegt erst kurz vorm Ortsschild links nach Schwarzer Busch ab. Dort liegt schöner Strand vor und eine kleine Promenade hinter der Düne.

Der Hafen von Timmendorf Strand auf Poel – nicht zu verwechseln mit Timmerdorfer Strand bei Lübeck.
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Der Hafen von Timmendorf Strand auf Poel – nicht zu verwechseln mit Timmerdorfer Strand bei Lübeck. (Foto: Marlis Tautz)

Tragödie in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs

An der Hauptstraße zurück nach Kirchdorf fällt ein Gedenkstein auf. Er erinnert an eine Tragödie aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Häftlinge aus Konzentrationslagern waren in Lübeck auf Schiffe getrieben worden, die vor Küste ankerten, darunter der vormalige Luxusdampfer „Cap Arcona“. Am 3. Mai 1945 wurde das Schiff bei britischen Luftangriffen in Brand geschossen. Die meisten der fast 5000 Menschen an Bord starben. Hunderte wurden auf Poel angespült und auf dem Inselfriedhof bestattet. Zu den rund 400 Überlebenden gehörte Erwin Geschonneck (1906 bis 2008), der als Schauspieler in der DDR berühmt geworden ist.

Der Rückweg vergeht im Handumdrehen. Wismar ist schon von Ferne zu sehen und motiviert zum Endspurt. Sputen müssen sich nun natürlich all jene, die am Anfang des Tages den Stadtbummel abgewählt hatten. Definitiv niemand sollte Wismar verlassen, ohne sich gründlich umgesehen zu haben.

Das sollten Sie wissen

Tipps für die Fahrradtour

Schwierigkeit: Eher einfach, aber der Wind kann eine Herausforderung sein.

Dauer: Je nach Tempo und Stopps einen halben bis ganzen Tag.

Highlights: Hansestadt-Flair, Ostseestrände, Leuchtturm, Naturschutzgebiete, historische Spuren.

Verbindung: Die Insel ist über einen Damm ans Festland angebunden.